Digitalisierung

Die Revolution ist in der Pharmaindustrie bereits Realität.

Der Digitalisierungsgrad der Pharma- und Chemieindustrie beträgt 50 von möglichen 100 Punkten. (Quelle: BMWi)

Aktuelles

Der Deutsche Ärztetag hat das Fernbehandlungsverbot gelockert. Seitdem sind auch Sprechstunden per Telefon oder Internet möglich, ohne dass Arzt und Patient einander persönlich kennen. Videosprechstunden und Online-Chats sind aber nur ein Mosaikstein im Gesundheitsalltag der Menschen. Auch Online-Informationsangebote spielen eine immer größere Rolle im Therapieverhalten der Patienten. Über die reine medizinische Hilfe bieten zum Beispiel Apps ein Angebot, um Fragen der Patienten zur Arzneimitteltherapie zu beantworten. Feedback-, Erinnerungs- und Motivationsbotschaften können außerdem dabei unterstützen, die Adhärenz an die Arzneimitteleinnahme zu verbessern und die Selbstbefähigung im Umgang mit einer Krankheit zu stärken. Auch pharmazeutische Unternehmen nutzen ihr Know-how und entwickeln therapieunterstützende Apps, sogenannte Companion-Apps, die dabei helfen können, eine Krankheit zu bewältigen. Companion-Apps werden insbesondere in der Versorgung von Menschen mit chronischen Erkrankungen, z. B. Diabetes, Bluthochdruck, Schmerz, Asthma, Multipler Sklerose, entwickelt.

Was bedeutet die Digitalisierung für die Pharmaindustrie?

Die Digitalisierung in der Pharmaindustrie betrifft alle Bereiche entlang der gesamten Wertschöpfungskette: Von der Generierung einer Idee für eine Innovation über deren Konkretisierung durch alle Forschungs- und Entwicklungsstadien bis zur Regulatorik, Zulassung, Produktion, Bewertung, Erstattung, Patientenansprache sowie Werbung, Distribution und Nachverfolgung bzw. Begleitung im Versorgungsalltag.

 

Wie verbessert die Digitalisierung pharmazeutischer Unternehmen die Gesundheitsversorgung?

Zwei sehr eng miteinander verbundene Bereiche gewinnen für die Geschäftsmodelle pharmazeutischer Unternehmen dank der Digitalisierung stetig an Bedeutung und Attraktivität: Die direkte und schnelle Vernetzung der Akteure im Gesundheitssystem über digitale Lösungen (Apps, Online-Portale, Devices, Sensoren etc.) sowie die Auswertung und Nutzung gesundheitsbezogener Daten durch die Akteure im Gesundheitssystem. Voraussetzung für den Erfolg: Verbraucher, Patienten und Bürger müssen als mündig angesehen werden. Sie müssen souverän bestimmen dürfen von wem, wann, wie, wofür und in welchem Umfang ihre Daten von Dritten verwendet werden. Dafür braucht es einen hochsicheren, geschützten Datenraum, mit einer entsprechenden Schnittstelle, die es dem Verbraucher ermöglicht, seine eigenen Daten selektiv im Dienste seines Wohles zur Verfügung zu stellen.

 

Was bringt die Digitalisierung für die Patienten?

Ein mögliches Szenario: In Zukunft wird der Patient den Arzt ganz selbstverständlich nach einer zum Präparat passenden App fragen. Digital soll diese sowohl ihm, als auch dem Mediziner offene Fragen beantworten und zusätzliche Informationen bieten. Informationen zur Verschreibung werden in Echtzeit telematisch direkt an das Pharmaunternehmen übermittelt. Via Drohne wird das Unternehmen den Patienten mit seinem Medikament beliefern. Das Smartphone hilft somit, den Umgang mit der Erkrankung zu optimieren, indem beispielsweise bedarfsgerechte Einnahme, Interaktionen und Arztkontakte abgestimmt beziehungsweise koordiniert werden. Die auch privat gesammelten Daten werden zudem in den Behandlungsalltag integriert und helfen allen Beteiligten.

Was vor wenigen Jahren noch unvorstellbar schien, ist heute längst Realität. Die digitale Revolution hat alle Bereiche der Gesundheitsversorgung erreicht. Das gilt auch für die pharmazeutische Industrie. 

  • Forschung & Entwicklung: Mit Hilfe von vernetzten Daten könnten ganze Stoffwechselwege digital nachgebildet werden. Das könnte die Vorhersage von Wirkmechanismen im menschlichen Körper erlauben.

  • Klinische Forschung: Im Fokus steht die Gewinnung von Daten höchster Qualität und Integrität unter Einhaltung der Grundsätze klinischer Forschung.

  • Produktion: Industrie 4.0-Prozesse wie Optimierung von Fertigungsprozessen durch „smarte“ Software ermöglichen eine Effektivitätssteigerung. Gleichzeitig erhöhen sie die Transparenz und Flexibilität des gesamten Prozesses.

  • Zulassung: Effizientere Einreichung und Bearbeitung der regulatorisch notwendigen Anträge für die Zulassung von Arzneimitteln.

  • Arzneimittelsicherheit: Die Dokumentation der Wirkung von Arzneimitteln unterliegt strengen Regularien. Jede bekannt gewordene Nebenwirkung muss den Behörden gemeldet werden. Hierfür bietet die Digitalisierung Lösungen, die eine zentrale Sammlung und Auswertung ermöglichen.

  • Markt- und Gesundheitsforschung: Digitale Lösungen via Apps, Wearables, Ferndiagnosen, Videosprechstunden etc. können die Effektivität des gesamten Gesundheitssystems steigern, um beispielsweise Patienten in gering bevölkerten Regionen, Pflegebedürftige oder chronisch Kranke besser zu versorgen.

  • Personalisierte Medizin: Die Nutzung genetischer Daten führt zur Identifikation von Patienten, denen eine Therapie aufgrund ihrer Anlagen zugutekommen kann.

  • Marketing und Vertrieb: Aufträge der Apotheken können über mobile Endgeräte digital erfasst werden. Im Bereich Logistik unterstützen digitale Lösungen das wichtige Monitoring temperaturgeregelter Transporte. Mobile Lernprogramme für Außendienstmitarbeiter, Ärzte, Apotheker und PTAs ergänzen Präsenz-Schulungen.

  • Smarte Datenbanken für die Literaturauswahl: Künstliche Intelligenzen durchforsten zukünftig das Dickicht an tausenden täglich neuen wissenschaftlichen Publikationen, bereiten eine Auswahl auf und ermöglichen den unkomplizierten Wissensaustausch unter Forschern.

Die in Deutschland hauptsächlich mittelständisch geprägte Wirtschaft braucht ein digitales Zielbild – und das ist sicher ein anderes als das für Silicon Valley. Der BPI arbeitet daran gemeinsam mit anderen Stakeholdern der Gesundheitsindustrie in der BDI-Initiative „Gesundheit digital“. Hier erarbeiten wir Lösungsvorschläge für die Digitalisierung des Gesundheitssystems aus Sicht der industriellen Gesundheitswirtschaft. Konkret bringen wir uns in drei neugegründeten Think-Tanks ein: „Datenverfügbarkeit und -nutzung“ (Ort und Art der Datenspeicherung, Dateneigentum und Verknüpfung von Daten), „Digitale Technologien“ (Datenwissenschaft und -infrastruktur, Erstattung und Datenanalysetechnologien) und „Prozesse und Digitale Gesundheitsakte“ (Grundlagen, Datenzugriff, Interoperabilität und Standards).

Pharmazeutische Unternehmen sind Vorreiter für einen digitalen Beipackzettel: Zukünftig sollen Gebrauchsinformationen für Arzneimittel in nutzerfreundlicher Form ergänzend zu der Packungsbeilage in Papierform über das Smartphone und eine Webseite zu lesen sein. Diese digitalen Gesundheitsinformationen für Patienten können ständig aktualisiert werden und erhöhen damit die Arzneimitteltherapiesicherheit.

Die Digitalisierung im Gesundheitswesen umfasst viel mehr als die Implementierung der elektronischen Gesundheitskarte. In der Digitalisierung liegen immense Chancen. Zur bestmöglichen Nutzung müssen Wissensmanagement gebündelt, strategische Allianzen geknüpft und Kommunikationsbeziehungen ausgebaut werden. Wir fordern eine vorausschauende Digitalisierungsstrategie, in der die pharmazeutische Industrie einen aktiven Part übernimmt.