27.10.2020 | Hintergrund FAQ COVID-Impfstoffe

An welchen Impfstoffen wird geforscht? Wann werden sie zugelassen? Wie sicher sind sie und wie könnten sie schnell verteilt werden? Diese und andere aktuelle Fragen beantworten wir in unserem FAQ. Eines ist sicher: Überall auf der Welt läuft die Corona-Forschung auf Hochtouren.

An welchen Impfstoffarten wird aktuell geforscht?

Das Coronavirus, genauer SARS-CoV-2, ist wie alle Viren ein „Parasit“. Es braucht einen Wirt, um sich zu vervielfältigen. So bemächtigt sich das Virus der menschlichen Zellen und zwingt ihnen sein Vermehrungsprogramm auf. Für die Entwicklung eines Impfstoffs und auch eines Arzneimittels gegen die Krankheit COVID-19 ist es also ausschlaggebend zu wissen, wie das Virus in die Zelle eindringt und sich dort vermehrt. Im Fokus der Forscher steht häufig das sogenannte Spike-Protein – ein Eiweiß, mit dessen Hilfe das Virus in die menschliche Zelle eindringen kann. Dieses Protein verleiht dem Virus auch seinen Namen: Wie Zacken einer Krone (Krone = lat. corona) steht es von der Virushülle ab. Folgende neuen Ansätze befassen sich damit, wie das Immunsystem gegen das Coronavirus mobilisiert werden kann und wie sich das Spike-Protein dafür nutzen lässt.


Verkleidetes Virus: Vektor-Impfstoffe

Bei diesem neuen Ansatz wird ein harmloses Virus mit gentechnischer Hilfe als SARS-CoV-2 „verkleidet“. Das Virus, meist ein Erkältungsvirus (gehört zur Gruppe der Adenoviren), bildet auf seiner Oberfläche das Spike-Protein des SARS-CoV-2-Erregers aus, ist aber nicht in der Lage, Zellen zu infizieren. Die Geimpften sollen darauf reagieren, indem ihr Immunsystem dieses Protein erkennen und in der Folge das Virus bekämpfen kann. In ersten Studienergebnissen konnten chinesische Forscherinnen und Forscher zwar nachweisen, dass die Teilnehmer Antikörper gebildet haben. Ob die Menschen dadurch wirklich geschützt sind, ist noch unklar.


Der Körper produziert Impfstoff selbst: Genbasierte Impfstoffe

Der neueste Typ von Impfstoffen sind genbasierte Vakzine. Bisher gibt es noch keine zugelassenen Impfstoffe dieser Art. Dabei enthalten die Impfstoffe eine Kopie ausgewählter Gene des Virus. Das geniale Prinzip dahinter: Diese Impfstoffe liefern den Bauplan des Virus, sodass nach der Injektion der menschliche Organismus (nicht infektiöse) Eiweißstoffe des Virus – darunter auch Spike-Proteine – herstellt. Das Immunsystem reagiert darauf und baut einen Immunschutz auf wie bei konventionellen Impfstoffen.

Bei den genbasierten Impfstoffen produziert der Körper also den Impfstoff selbst, während bei den herkömmlichen Tod- oder Lebendimpfstoffen abgetötete oder abgeschwächte Viren bzw.

Virenbestandteile gespritzt werden. Basis der neuen Impfstoffe ist vor allem RNA, eine Art Kopie der DNA, also des genetischen Materials im Zellkern. Dabei handelt es sich genauer um eine Boten-RNA (messenger RNA - mRNA), die die genetische Information aus dem Zellkern heraustransportiert, damit daraus von der Zelle Proteine hergestellt werden können. Unschlagbarer Vorteil der mRNA-Impfstoffe: Sie können sehr schnell in großen Mengen produziert werden. Die Bundesregierung schätzt diesen Ansatz als so vielversprechend ein, dass sie sich mit etwa 300 Millionen Euro an Biotech-Unternehmen beteiligt hat. Zudem hat sie mehr als eine halbe Milliarde Euro in die Forschung und Entwicklung derartiger SARS-CoV-2-Impfstoffe zur Verfügung gestellt. Dabei sieht sie auch das Potenzial für mRNA-Impfstoffe gegen andere Infektionskrankheiten oder auch für mRNA-basierte Arzneimittel (s. Antikörper, unten).


Wann wird der erste Impfstoff zugelassen?

Das lässt sich noch nicht genau sagen, optimistisch geschätzt noch in diesem Jahr, wahrscheinlicher aber nicht vor 2021. Eines ist aber sicher: Überall auf der Welt läuft die Corona-Forschung auf Hochtouren. Etwa 150 Impfstoff-Projekte sind in der Pipeline – in der Hoffnung, dass einzelne Kandidaten auch die schwierige dritte Studienphase überstehen, in der ein Impfstoff an vielen Hunderten oder Tausenden Menschen auf Wirksamkeit und Sicherheit geprüft wird. Dabei bündelt man alle Kräfte: Kommerzielle und akademische Forschung, Behörden und Start-up-Unternehmen arbeiten weltweit verstärkt zusammen. Auch pharmazeutische Unternehmen kooperieren miteinander, indem sie zum Beispiel Laborkapazitäten oder Sammlungen von Molekülen zur Verfügung stellen.

Klar ist, dass es mehr als einen Impfstoff geben wird, eher fünf oder sechs verschiedene. Das ist notwendig, weil man kaum von einem Impfstoff weltweit so viel wird herstellen können, dass es für alle reicht und weil auch nicht alle Menschen gleich gut auf nur einen Impfstoff ansprechen dürften.


Wer bekommt den Impfstoff zuerst?

Gerade in der Anfangsphase, wenn noch nicht ausreichend Impfstoff produziert ist, müssen Risikogruppen den Vorrang haben. Es ist eine dringende Aufgabe der Bundesregierung dies in Abstimmung mit Medizinern und Ethikern zu priorisieren.
 

Ist der Corona-Impfstoff sicher?

Wie andere Impfstoffe auch, wird ein Corona-Impfstoff erst auf den Markt gebracht, wenn sorgfältig seine Sicherheit, Qualität, Wirksamkeit und Unbedenklichkeit in klinischen Studien der Phasen I, II und III im behördlichen Zulassungsprozess (präklinische und klinische Phase, Zulassungsprüfung, Auflagen der Zulassungsbehörden und Marktzulassung, Nachzulassungsbeobachtung) nachgewiesen wurde. Auch danach wird er laufend behördlich überwacht, Nebenwirkungen und Impfreaktionen werden zentral vom Paul-Ehrlich-Institut (PEI) erfasst. Die Sicherheit bleibt, trotz geplanter Vereinfachung des Zulassungsprozesses, oberste Priorität. 
 

Werden Pharmaunternehmen bei Corona-Impfstoffen von der Haftungspflicht befreit?

Pharmazeutische Unternehmer, die in Deutschland Arzneimittel (also auch Impfstoffe) in den Verkehr bringen, haften grundsätzlich für Entwicklungs- und Herstellungsfehler. Im Rahmen der aktuellen Entwicklung von Corona-Impfstoffen in Form eines straff vorangetriebenen Zulassungsprozesses geht es aber nicht um eine Haftungsbefreiung, sondern um eine angemessene Risikoverteilung.

Es besteht ein dringender, gesellschaftlich und politisch gewollter, Handlungsbedarf: Pharmaunternehmen sollen und müssen unter enormem Zeit- und Kostendruck wirksame, sicherere Impfstoffe entwickeln. Dies geschieht in enger Abstimmung und Koordination mit den zuständigen Behörden. Die Politik muss in dieser Situation die Verantwortung für etwaige Risiken mittragen; andernfalls kann es in kurzmöglichster Zeit keinen Covid-19-Impfstoff geben. Normalerweise werden Impfstoffe über viele Jahre, nicht selten über Jahrzehnte entwickelt.


Wird der Impfstoff ausreichen?

Laut Bundesgesundheitsministerium (BMG) sollen „allen europäischen Bürgern innerhalb von 12 bis 18 Monaten qualitativ hochwertige, sichere, wirksame und erschwingliche Impfstoffe gegen Covid-19“ gesichert werden. Dazu schließt die EU-Kommission mit den Mitgliedsländern Vorkaufsvereinbarungen ab, die ihnen „das Recht vorbehalten oder ihnen das Recht einräumen, eine bestimmte Anzahl von Impfstoffdosen zu einem bestimmten Preis zu kaufen, sobald ein Impfstoff verfügbar wird.“ Diese sollen nach einem bestimmten Bevölkerungsschlüssel verteilt werden. Daneben haben sich die drei von der Bundesregierung mit 750 Mio. Euro geförderten Hersteller Curevac, Biontech und IDT Biologika laut BMG verpflichtet, bei erfolgreicher Zulassung Deutschland mehr als 40 Millionen Impfdosen bereit zu stellen.


Wer sollte die notwendigen Voraussetzungen für eine schnelle Impfstoffverteilung schaffen?

Es liegt vor allem an der Bundesregierung, die entsprechenden vorbereitenden Handlungen weitsichtig erfolgen zu lassen. Hier ist insbesondere das BMG gefragt. Eine Impfung in Arztpraxen und Gesundheitsämter ist gewiss sinnvoll, aber auch Impfkampagnen an Schulen, in der Bundeswehr oder der Polizei können effektiv sein, in Krankenhäusern (für das Personal) ohnehin.

Es gibt in Deutschland sicherlich ausreichend Transportkapazitäten, um die Versorgung der Bevölkerung sicherzustellen. Wichtig ist auch in Deutschland die Entscheidung, welche Bevölkerungsgruppen wie schnell geimpft werden sollen.


Und wie werden die Entwicklungsländer versorgt?

Es wird schnellstmöglich ein System erdacht und durchgesetzt werden, in dem die Staaten weltweit ihre Bedarfe melden und Impfstoffmengen zentral zugeteilt bekommen. Diesem Ziel hat sich die Plattform COVAX unter der Führung der Impfallianz Gavi, der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und der Forschungsallianz CEPI verschrieben (siehe Auswärtiges Amt).

Sofern der Impfstoff dann weltweit verteilt wäre, müssten die lokalen Behörden wiederum sicherstellen, dass die Impfung der Bevölkerung ordnungsgemäß (vermutlich gestuft nach Risikogruppen etc.) vorgenommen wird.

Die Lieferung bzw. der Transport von Arzneimitteln über Ländergrenzen hinweg ist auch heute schon gang und gäbe, genügend brach liegende Flugkapazitäten gibt es momentan auch, herausfordernd kann auch hier der temperaturgeführte Transport (d.h. der Transport in einem bestimmten Temperaturbereich) sein (das hängt allerdings auch vom jeweiligen Impfstoff ab).

Hier sind sowohl beteiligte Großhändler als auch die abgebenden Stellen gefragt, kurzfristig Strukturen zu schaffen oder bestehende zu erweitern, um bei Wärme und Kälte in den kommenden Monaten für eine konstante Qualität des Impfstoffes zu sorgen.


Beschleunigt die Corona-Pandemie die Forschung und Entwicklung?

Prof. Dr. Theo Dingermann im BPI-Themendienst Innovationen:

„Bisher haben die Behörden oft wochenlang über den Unterlagen gesessen und erst nach einem Bescheid wurde die nächste Phase eingeleitet. Jetzt spart man unglaublich viel Zeit, indem bestimmte Schritte parallel ablaufen, und nicht nacheinander. Während eine Studienphase noch läuft, stimmt man sich schon über die nächste Phase ab. Zudem werden beispielsweise schon in frühen Studienphasen mehr Teilnehmerinnen und Teilnehmer eingeschlossen oder in einer Studie gleich mehrere neue Arzneimittel-Kandidaten gleichzeitig getestet. Sicherlich lernen die Zulassungsbehörden dadurch massiv dazu. Noch relevanter ist aber der Schub, den neue Technologien erfahren, die es bisher noch nicht auf dem Markt gibt. Ich denke da vor allem an die RNA-Impfung. Einen solchen Impfstoff in großen Mengen zu produzieren, ist eine Sache von Wochen statt bisher Monaten und zudem vergleichsweise günstig. Und sollte das Coronavirus mutieren, hätten wir auch dann innerhalb von wenigen Wochen einen neuen Impfstoff auf dem Markt.“
 

Werden andere wichtige Arzneimittelforschungs- und Entwicklungsbereiche durch den Fokus auf den Corona-Impfstoff vernachlässigt?

Im Bereich der Impfstoffe sind Verzögerungen bei anderen Projekten nicht ausgeschlossen. Die gesamte Branche wird aber nicht in ihrer Innovationsfähigkeit gebremst werden, denn die Impfstoffsparte ist hochspezialisiert und macht nur einen kleinen Teil aus.


Welchen Preis wird der Impfstoff haben?

Der Preis wird wie üblich zwischen den Herstellern und den Vertretern der Gesundheitssysteme verhandelt. Nach Einschätzung des Experten Prof. Dr. Dieter Cassel „sind momentan keine überzogenen Preisaufrufe feststellbar“. Er rechnet mit einem Preiswettbewerb sobald es mehrere austauschbare Impfstoffe gibt. Bei ca. fünf Milliarden benötigten Dosen käme es zu einer Degression der Stückkosten einer einzelnen Impfdosis. Einen einheitlichen Impfpreis werde es aber nicht geben, da Preiskomponenten wie etwa Apotheken- und Großhandelsspannen, Arzthonorare und Steuern von Land zu Land variierten. Viele Hersteller haben aber bereits angekündigt, die Impfstoffe zum Selbstkostenpreis abzugeben.


Soll man sich jetzt auch gegen Grippe impfen lassen?

Ob eine Grippeimpfung medizinisch sinnvoll und notwendig ist, entscheidet immer der behandelnde Arzt im individuellen Patientenfall. Generell empfiehlt die Ständige Impfkommission (STIKO) aktuell, dass sich „insbesondere ältere Menschen ab 60 Jahren/hochaltrige Menschen und Menschen mit Grunderkrankungen“ gegen Grippe impfen lassen sollten. Das Robert-Koch-Institut betont: „Gerade im Rahmen der COVID-19-Pandemie ist eine hohe Influenza-Impfquote bei Risikogruppen essentiell, um in der Grippewelle schwere Influenza-Verläufe zu verhindern und Engpässe in Krankenhäusern (u.a. bei Intensivbetten, Beatmungsplätzen) zu vermeiden.“ (siehe RKI)


Wie kann man Covid-19 heute schon behandeln?

Auch bei der Suche nach Medikamenten, die die von dem Coronavirus ausgelöste Krankheit COVID-19 heilen oder lindern können, drücken Forscherinnen und Forscher weltweit aufs Tempo. Zurzeit laufen etwa 1.500 Therapiestudien (also Studien mit Wirkstoffen im Gegensatz zu Studien mit Impfstoffen). Folgende Ansätze unter anderen lassen sich unterscheiden:

  • Antivirale Medikamente. Dabei handelt es sich um zum Teil schon zugelassene Medikamente gegen andere Erkrankungen, es sind also Innovationen auf Basis bewährter Wirkstoffe (s. dort) und der Vorgang wird allgemein als Repurposing, also Neuausrichtung oder Umwidmung, genannt. Ein bekannter Kandidat ist das ursprünglich gegen Ebola entwickelte Remdesivir, das die Virusvermehrung im Zellinneren hemmt und seit der Zulassung der EMA und der FDA im Sommer dieses Jahres zur Behandlung tausender COVID-19-Patienten, unter anderem auch US-Präsidenten Trump,  eingesetzt wurde. Ein weiterer guter alter Bekannter ist zum Beispiel Ivermectin, ein Antiparasitikum, das gegen Fadenwürmer und Krätzmilben wirkt. Auch das eigentlich gegen akutes Lungenversagen entwickelte APN01 gehört in diese Gruppe. Es bindet sich als „falscher Rezeptor“ an das Spike- Protein am Virus, sodass es nicht mehr an den „richtigen Rezeptor“ an der menschlichen Zelle andocken kann.
     
  • Immunmodulatoren. Bei schweren Verläufen von COVID-19 ist es irgendwann nicht mehr das Virus, sondern das eigene Immunsystem, das den Patienten krank macht.

    Dämpfende Immunmodulatoren regulieren eine exzessive krankmachende Immunreaktion herunter und werden auch gegen Autoimmunerkrankungen wie Rheuma oder MS eingesetzt. Bei schwerstkranken COVID-19-Patienten konnte in einer Studie zum Beispiel der Wirkstoff Dexamethason, mit dem allergische Reaktionen, Asthma oder rheumatoide Arthritis behandelt werden, die Sterblichkeit deutlich senken. Auch hier handelt es sich um Innovationen auf Basis bewährter Wirkstoffe, also um sogenannte Schrittinnovationen (s. dort).
     
  • Antikörper. Eigentlich eine alte Methode: Patienten bekommen als Therapie Antikörper gegen SARS-CoV-2-Viren aus dem Blutserum von Menschen, die die Infektion bereits überstanden haben. Die Antikörper sind in der Lage, die Viren im Körper zu neutralisieren. Gentechnisch weitergedacht ist der Ansatz von Antikörpern in Form von mRNA (siehe mRNA-Impfstoff).

    Injiziert man diese genbasierten Antikörper, stellen die Patienten diese Antikörper für eine Weile selber her.
     
  • Gen-Silencing. Zwei US-Unternehmen und eine südkoreanische Firma arbeiten an diesem ganz neuen Ansatz: Dabei wird das Virus dadurch blockiert, dass einige seiner Gene „zum Schweigen gebracht werden“ und deshalb nicht mehr funktionieren.