Detail

Die Sicherheitsexpertin – Prof. Dr. Barbara Sickmüller wird 80 Jahre alt

Fast ein halbes Jahrhundert ist Prof. Dr. Barbara Sickmüller im Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie (BPI) e.V. tätig. Heute bringt die Pharmazeutin als BPI-Senior Scientific Advisor ihr umfangreiches Wissen im Verband ein. Am 22. Februar wird die Expertin, die die Arzneimittelsicherheit nicht nur hierzulande, sondern auch auf europäischer und internationaler Ebene vorangebracht hat, 80 Jahre alt.

Foto: ©BPI e.V., Prof. Dr. Barbara Sickmüller

„In meinem Alter kann man ja sogar noch Präsidentin werden“, sagt Prof. Dr. Barbara Sickmüller und lacht in Anspielung auf die politischen Oberhäupter in den USA. Ihre Stimme klingt hell und fröhlich. Kaum zu glauben: Die ehemalige stellvertretende Hauptgeschäftsführerin des Bundesverbandes der Pharmazeutischen Industrie (BPI) e.V. wird am 22. Februar diesen Jahres 80. Seit 1977 hat die Apothekerin in verschiedenen Positionen im BPI gearbeitet – und tut es heute noch als wissenschaftliche Beraterin. 


Pharmakovigilanz hat sie gereizt

Doch erst einmal zu den Anfängen. Wie ihre Liebe zur Pharmazie begonnen hat? „Ich habe mich schon immer für Chemie und Pflanzenkunde interessiert“, erzählt die in Offenbach aufgewachsene BPI-Expertin, die heute zwischen ihrem Heimatort und Berlin pendelt. Ihre Mutter sei Pharmazeutin gewesen, ihr Vater Jurist. 1967 begann die junge Frau in Marburg an der Philipps-Universität Pharmazie zu studieren, arbeitete als Assistentin für Pharmazeutische Chemie und Lebensmittelchemie in Marburg, promovierte und kam schließlich zum BPI. „Ich habe bei der „Roten Liste“ angefangen, die damals eng an den BPI angegliedert war“, berichtet sie. Ein Jahr später wurde im Verband das Referat Arzneimittelsicherheit eingerichtet. Die Pharmakovigilanz – die sich mit der Erkennung, Bewertung und Vorbeugung von Nebenwirkungen von Medikamenten und Impfstoffen beschäftigt – habe sie gereizt, sagt Prof. Sickmüller und prompt übernahm sie das neue BPI-Referat.


International harmonisierte Anforderungen

Die „Contergan-Tragödie“ Anfang der 1960er Jahre hatte die enorme Bedeutung der Arzneimittelsicherheit in ein neues Licht gerückt. Denn bis dahin gab es in Deutschland keine Richtlinien für die Entwicklung von Medikamenten. „Man ging damals auch davon aus, dass ein nicht toxischer Wirkstoff keinen Einfluss auf das ungeborene Leben hat“, betont die Pharmazeutin. „Das war ein Trugschluss und führte zu einem Umdenken im Pharmabereich.“ In der Folge wurden weltweit harmonisierte Anforderungen an die Wirksamkeit und Unbedenklichkeit von Arzneimitteln entwickelt. 


„Es war Basisarbeit“

Für die Meldung von Nebenwirkungen gab es vor Inkrafttreten des Arzneimittelgesetzes (AMG) 1976 weder national noch im europäischen Recht gesetzliche Vorgaben. Die Mitgliedsfirmen des BPI hatten aber bereits im Jahre 1969 beschlossen, bekanntgewordene Nebenwirkungen der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft (AkdÄ) mitzuteilen. Dies wurde unter der Leitung von Frau Prof. Sickmüller dahingehend modifiziert, dass die Mitgliedsfirmen des BPI ab 1984 diese Nebenwirkungen parallel auch dem damaligen Bundesgesundheitsamt (BGA) – heute Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte, kurz BfArM, meldeten. Mit einer AMG-Änderung wurde ab Februar 1987 für alle Firmen die verpflichtende Meldung von Nebenwirkungen an das BGA eingeführt. „Im Verlauf der Entwicklung haben wir dann auf nationaler, europäischer und internationaler Ebene mit dem regierungsunabhängigen Council for International Organization of Medical Science (CIOMS) zusammengearbeitet und vereinbart, wie Nebenwirkungen gemeldet, erfasst und strukturiert werden sollen sowie zu welchem Zeitpunkt nach deren Auftreten die Meldung erfolgen sollte. Es war Basisarbeit“, erklärt die Pharma-Expertin heute.


Weltweit vernetzt

Von nun an ließ die Arzneimittelsicherheit Frau Prof. Sickmüller nicht mehr los. Viele Jahre war sie Mitglied in mehreren Arbeitsgruppen von CIOMS, gründete entsprechende Teams im BPI und gehörte außerdem verschiedenen Arbeitsgruppen der 1990 gegründeten ″International Conference for Harmonisation of Technical Requirements for Pharmaceuticals for Human Use (ICH)″ in den Bereichen Pharmakovigilanz und klinischen Prüfungen an (heute ″International Council for Harmonisation of Technical Requirements for Pharmaceuticals for Human Use″). „Es ging darum, die klinische Forschung zur Entwicklung und Herstellung von Arzneimitteln sowie die Zulassungsanträge weltweit voranzubringen und international zu harmonisieren, also in Einklang zu bringen“, sagt die BPI-Expertin. „Wichtig dabei war, Behörden und Industrie der Mitgliedstaaten an einen gemeinsamen Tisch zu bringen.“ Die internationalen Kontakte, die weltweite Vernetzung des BPI, die sie in ihrem Bereich mit ausgebaut hat, sei ihr immer ein besonderes Anliegen gewesen. „Die Pflege der weltweiten Verbindungen hat mir Spaß gemacht“, sagt sie und lacht. 


Verschreibungspflicht, ja oder nein?

Ab August 1988 übernahm Frau Prof. Sickmüller im BPI die Leitung der Abteilung Medizin, anschließend wurde sie Geschäftsführerin für den Bereich Medizin und Pharmazie, im Jahr 2000 stellvertretende Hauptgeschäftsführerin des BPI. Ihre Schwerpunkte blieben die Arzneimittelsicherheit, klinische Prüfung und Zulassung von Medikamenten. Sie veröffentlichte viele Publikationen und Buchbeiträge, war Mitglied in zahlreichen vom Bundesministerium für Gesundheit (BMG) und BfArM berufenen Expertenkommissionen. So arbeitete sie zum Beispiel etliche Jahre als Sachverständige im Verschreibungspflichtausschuss. „Soll ein Arzneimittel der Verschreibungspflicht unterliegen, ja oder nein? Darum ging es“, erklärt die BPI-Senior-Beraterin. „Das ist eine wichtige Abgrenzung. Das maßgebliche Kriterium für die Entscheidung war die Sicherheit eines Medikaments. Es war mir immer besonders wichtig, dabei mitzuwirken.“


Dozentin an Universitäten

Doch die zahlreichen Aufgaben waren nicht alles in ihrem beruflichen Leben. Neben den Tätigkeiten im BPI und den vielen Ausschüssen hielt Frau Prof. Sickmüller jahrelang Vorlesungen an den Universitäten in Marburg, Bonn und Heidelberg in den Fachbereichen Pharmazie beziehungsweise berufsbegleitenden Masterstudiengängen. „An der Philipps-Universität Marburg erhielt ich im Jahre 2000 sogar eine Honorarprofessur“, sagt sie erfreut. „Ich bin seit 1987 im Sommer alle zwei Wochen nach Marburg gebraust, um meine Vorlesungen insbesondere im Bereich Zulassung, klinische Forschung und Arzneimittelsicherheit zu halten – und das ohne Honorar.“ Der BPI habe sie dabei immer unterstützt, ihr die Zeit für die Lehre eingeräumt und sogar die Reisekosten ersetzt, so dass für die Universität keine Kosten entstanden seien. Wie sie die zahlreichen Herausforderungen bewältigt habe? „Ich arbeitete oft in die Nacht hinein“, sagt Frau Prof. Sickmüller, und fügt hinzu: „Dafür habe ich aber morgens nicht so zeitig angefangen.“ 


Als Senior-Beraterin und Präsidentin aktiv

Das nächtliche Arbeiten ist nun vorbei. Wer aber glaubt, sie legt seit ihrem offiziellen Ruhestand im Jahr 2012 die Hände in den Schoß, hat sich gehörig geirrt. Die Pharma-Expertin ist bis heute nicht nur Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Regulatory Affairs (DGRA), eine wissenschaftliche Fachgesellschaft im Bereich der Zulassung von Arzneimitteln, sondern steht dem BPI beratend zur Seite. „Ich nehme an Ausschuss-Sitzungen teil, halte Vorträge und unterstütze den BPI bei Stellungnahmen an die Behörden“, erklärt sie. Das sei gerade jetzt bei den Diskussionen zu der anstehenden und seit mehr als 20 Jahren größten Reform des EU-Arzneimittelrechts spannend. „Ich war ja all die Jahre in allen entscheidenden Bereichen tätig und bin daher auch weiterhin sehr gut vernetzt. Das ist enorm wichtig.“ 


Eine gute Konstitution

Woraus sie ihre Energie schöpft? „Ich habe eine gute Konstitution, die mir immer geholfen hat“, sagt sie nach einer Weile. „Und ich habe eine positive Lebenseinstellung und versuche, immer das Beste aus den Dingen zu machen.“ In ihrem Garten in Offenbach blühen die Schneeglöckchen und Winterlinge, daran erfreue sie sich. Das gebe ihr Kraft. 

Autorin: Ute Wegner im Auftrag des BPI e.V.