Schmerz: Licht und Schatten

Sehr geehrte Leserinnen und Leser,

Ein Leben ohne Schmerz – das ist für jedes dritte Kind zwischen acht und 16 Jahren nicht denkbar. 2,2 Millionen Kinder und Jugendliche leiden bereits in diesem Alter unter chronischen Schmerzenwie beispielsweise Kopfschmerzen, Bauchschmerzen, Muskel- und Gelenkschmerzen.Jedes Sechste, also mehr als 350.000, ist nicht mehr in der Lage einen unbeschwerten Alltag in der Schule, mit Freunden oder beim Sport zu verbringen, so stark beeinträchtigt der Schmerz das Leben. Dabei sollte Schmerz das Gegenteil bewirken, nämlich das Leben beschützen.

Akuter Schmerz schützt und warnt. Legt ein Kind seine Hand auf die heiße Herdplatte, zieht es die Finger blitzartig zurück. Der stechende Schmerz, wenn etwa beim Sport der Fuß umknickt, hält davon ab weiterzumachen und möglicherweise eine größere Verletzung davon zu tragen. Der pochende Schmerz eines aufgeschürften Knies oder eine Prellung am Schienbein verschwindet langsam, sobald die Wunde gekühlt wird und man sich eine Weile schont.

Verliert der Schmerz aber seine warnende und schützende Eigenschaft, ist das ungesund. Man nennt Schmerz, der mindestens drei Monate oder länger andauert, mindestens einmal im Monat wiederkehrend auftritt, den Betroffenen mehrmals pro Woche quält und seine Alltagsaktivität stark einschränkt, chronisch. Alleine in Deutschland sind laut aktuellen Zahlen der Deutschen Gesellschaft für Schmerzmedizin 33 Prozent der Bevölkerung von chronischen Schmerzen betroffen. Das sind rund 26 Millionen Menschen.

Ob Kinder, Jugendliche oder Erwachsene: Chronische Schmerzen haben weitreichende Folgen, wie Zahlen der Deutschen Schmerzliga zeigen.

  • Die Menschen kommen im Leben nicht mehr mit. Das belastet den Alltag, die Familie, die Psyche. Geschätzte 1,5 Millionen Betroffene werden aufgrund ihrer Anamnese als suizidgefährdet eingestuft.
  • Schmerzpatienten werden nicht ernst genommen. Im „Schwarzbuch Schmerz“ der Deutschen Schmerzliga, berichten Betroffene, dass sie in der Gesellschaft – aber auch von Ärzten und Gutachtern – häufig belächelt werden. Sie sehen sich schnell dem Vorwurf ausgesetzt, nur Simulanten zu sein.
  • Schmerz ist nur schwer mess- und fassbar. Oftmals bleiben Untersuchungen ohne eindeutigen Befund.
  • Es gibt zu wenig Schmerztherapeuten. Patienten suchen im Schnitt bis zu zehn Jahren nach dem richtigen Mediziner. Und hat der Betroffene einen Facharzt gefunden, müssen Patienten zwischen einem und sechs Monaten auf ihren ersten Termin warten. 40 Prozent der Schmerzpatienten werden überhaupt nicht adäquat behandelt.
  • Chronischer Schmerz ist teuer. Im Jahr kostet die Krankheit den Staat 38 Milliarden Euro. Allein 28 Milliarden entstehen durch Arbeitsunfähigkeit. 60 Prozent der Rückenschmerzpatienten gehen vorzeitig in den Ruhestand, wenn sie länger als sechs Monate krankgeschrieben waren.

Kurzum: Schmerzen sind eine Last. Die vielen betroffenen Menschen brauchen vor allem Hilfe und Verständnis. Deshalb beleuchten wir das Phänomen Schmerz hier genauer. Auf den kommenden Seiten informieren wir über Schmerzarten, Schmerzleitung und Schmerzmessung. Mit Dr. Jan-Peter Jansen, dem Ärztlichen Leiter und Geschäftsführer des Schmerzzentrums Berlin, haben wir über die heutigen Möglichkeiten der Schmerztherapien gesprochen. Der Facharzt sagt: „Die Schmerzbehandlung ist im Prinzip wie eine Brille, die ich aufziehe: Sie kann zwar meine Sehschwäche nicht heilen, sie kann sie aber korrigieren und mir ein normales Leben ermöglichen.“ Das gibt Hoffnung.

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„Ein unangenehmes Sinnes- und Gefühlserlebnis, das mit aktueller oder potentieller Gewebeschädigung verknüpft ist oder mit Begriffen einer solchen Schädigung beschrieben wird.“

International Association for the Study of Pain (IASP)

Die wichtigste Information vorweg: Schmerz entsteht nur und ausschließlich im Gehirn. Völlig unabhängig von der Ursache oder dem Ort des Schmerzes. Man kann es am besten verdeutlichen, wenn man sich vorstellt, man hat einen Mp3-Player (der einen äußeren Reiz darstellt) und ein Kabel für die Lautsprecher (welches die Nervenbahnen repräsentiert). Doch die Lautsprecher selbst (das Gehirn) ist kaputt. Man kann so viele Lieder spielen (Reize auslösen) wie man möchte und die Musik beliebig laut aufdrehen– die Signale werden zwar erkannt und durch das Kabel geleitet, aber Musik hört man trotzdem keine.

Schmerzleitung

In unserem Körper gibt es „Schmerzrezeptoren“, in der Fachsprache Nozirezeptoren genannt. Diese können auf thermische, mechanische und chemische Reize reagieren. Dabei adaptieren sie nicht. Das bedeutet, sie bleiben stets gleich erregbar. Werden die Nozirezeptoren durch einen Reiz stimuliert senden sie einen elektrischen Impuls an die nächste Nervenzelle. Diese leitet ihn über Nervenfasern weiter. Es gibt zwei verschiedene Arten von Fasern, nämlich schnelle A-Delta Fasern und langsame C-Fasern. Deshalb verspürt man, wenn man sich verletzt, immer zuerst einen „hellen“ Schmerz (durch die A-Delta Fasern), bevor der „dumpfe“ Schmerz eintritt, der dann lange wehtut.

Über diese Fasern gelangt der Schmerz dann ins Rückenmark, wo er verarbeitet wird und (beispielsweise im Fall der heißen Herdplatte) gegebenenfalls ein Reflex ausgelöst wird (man zieht die Hand zurück, noch bevor es als schmerzhaft empfunden wird). Vom Rückenmark aus gelang der Reiz schließlich zur Endverarbeitung in verschiedene Hirnareale. Erst dann wird einem der Schmerz bewusst.

Nervenzellen von Rückenmark und Gehirn können übrigens Botenstoffe austauschen. So kann das Schmerzempfinden gehemmt werden, wie zum Beispiel im Kampf oder beim Geschlechtsverkehr. Das sorgt dafür, dass man Verletzungen erst später wahrnimmt.

Schmerzarten

Prinzipiell unterscheidet man zwischen akutem und chronischem Schmerz. Der akute Schmerz tritt bei Verletzungen, Traumata, Operationen Krankheiten, etc. auf. Er hat, wie schon gesagt, eine schützende und warnende Funktion und klingt oft von selbst wieder ab.

Als chronisch werden solche Schmerzen bezeichnet, die seit mindestens drei Monaten regelmäßig auftreten und den betroffenen Patienten physisch, psychisch-kognitiv und sozial beeinträchtigen. Chronische Schmerzen unterliegen immer körperlichen, psychischen und sozialen Einflüssen. Deshalb werden sie auch multikausal, also auf Basis vieler Faktoren, behandelt. Für weiteren zur Schmerztherapie finden Sie hier den Link zu den „Leitlinien zur Schmerzbehandlung“ der Deutschen Schmerzgesellschaft: http://www.dgss.org/versorgung/leitlinien-zur-schmerzbehandlung/.

Der chronische Schmerz hat sich von akuten Ereignissen abgekoppelt. Die Nervenzellen haben dann den Schmerz „gelernt“. Solche Gedächtnisspuren können dazu führen, dass ein schmerzähnliches Signal produziert wird, obwohl kein Auslöser dafür da ist. In anderen Fällen werden die Nerven so empfindlich, dass selbst leichte Reize, wie eine Berührung oder einfaches Händeschütteln schon als starker Schmerz empfunden wird.

Die Entwicklung von chronischen Schmerzen kann durch psychosoziale Umstände begünstigt werden. So ist langanhaltender körperlicher, seelischer und sozialer Stress laut der Deutschen Schmerzgesellschaft einer der häufigsten Ursachen für chronischen Schmerz. Stress führt zu Muskelanspannung. Diese wiederum führt über längere Zeit zu Bewegungseinschränkung und, durch die dauernde Spannung der Muskeln, auch zu Erschöpfung. Das hat Schmerzen zur Folge, die die Muskelspannung weiter erhöhen, Sorgen und Unruhe auslösen, was dann wiederum zu mehr Stress führt. Ein Teufelskreis, der sich selbst verstärkt. Intervenierenden Einfluss haben auch Gefühle, Denken oder unsere vergangenen Erfahrungen. Sie können Muskelspannung und Stress zusätzlich verstärken.

Jan-Peter Jansen wollte eigentlich Toningenieur werden, bevor es ihn zur Medizin zog. Heutet leitet der Anästhesist das Schmerzzentrum Berlin.

PD Arzneimittel: Wenn Sie Schmerzen behandeln, sagen Sie dem Patienten erstmal, dass Sie nicht wissen, woher das Leiden rührt. Wie therapieren Sie, wenn Sie die Ursache für Beschwerden nicht finden?

Dr. Jansen: Auch wenn ich nicht weiß woher der Schmerz kommt, was ich habe ist eine Theorie darüber, wie das Nervensystem funktioniert. Mit der Kenntnis kann ich mich auf die Suche nach einer Therapie machen und verschiedene Behandlungsansätze ausprobieren. Das nimmt Zeit in Anspruch, die ich mir als Schmerztherapeut für meine Patienten nehme.

PD Arzneimittel: Die wenigsten Menschen gehen wegen Schmerzen überhaupt zum Arzt. Wer kommt zu Ihnen in ein spezialisiertes Schmerzzentrum?

Dr. Jansen: Die Menschen, die zu uns kommen, haben sehr häufig und sehr starke Schmerzen. Auf einer Skala von eins, was für „keinen Schmerz“ steht, und zehn für „den stärksten vorstellbaren Schmerz“, geben unsere Patienten eine acht oder neun an. Und das als Dauerzustand.

PD Arzneimittel: Wie lange leiden die Betroffenen bereits unter Dauerschmerzen?

Dr. Jansen: Typischerweise leidet ein Schmerzpatient schon viele Jahre, er war bei mehreren Ärzten und hat doch keine Linderung seiner Schmerzen erfahren können.

PD Arzneimittel: Männer, Frauen, Erwachsene, Kinder – wer leidet häufiger unter Schmerzen?

Dr. Jansen: Das kann man nicht sagen. Aber besonderer Fürsorge bedürfen Kinder und Jugendliche. Viele Patienten sind zwischen zehn und 14 Jahren und kommen mit Migräne zu uns. Diese Kinder fehlen dann aufgrund ihrer Schmerzen häufig im Unterricht. Sie sind oft Ziel von Ausgrenzungen, weil die anderen Kinder nicht verstehen was mit den Betroffenen los ist. Sie müssen sich dann sagen lassen, „du spinnst doch, du willst dich doch nur vor Sport drücken“. Hier müssen wir darauf aufmerksam machen, dass Migräne eine Krankheit ist wie Diabetes.

PD Arzneimittel: Welche Besonderheiten gibt es bei der Behandlung von Kindern?

Dr. Jansen: Hinter den Kindern stehen immer Eltern. Sie wollen eine Ursache wissen, die man behandeln kann. Und sie wollen, dass die Medizin ihr Kind heilt. Wir müssen ihnen dann aber erklären, dass Migräne einen neurologische Erkrankung ist für die es keine Heilung gibt. Ein schwerer Schlag für alle Eltern, wenn sie erfahren müssen, dass ihr Kind an einer unheilbaren Krankheit leidet – mit der man allerdings richtig therapiert ein ganz normales, gutes Leben führen kann.

PD Arzneimittel: Welche Schmerztherapien helfen den Betroffenen?

Dr. Jansen: Es gibt grundsätzlich zwei Arten von Therapien. Zum einen die medikamentöse Behandlung, die im Prinzip wie eine Brille wirkt, die der Patient aufzieht: Die Arzneimittel können zwar die Sehschwäche nicht heilen, sie können sie aber korrigieren und ein normales Leben ermöglichen. Hier gibt es eine Vielzahl an unterschiedlichen Arzneimitteln, mit unterschiedlichen Wirkstoffen. Bei chronischen Schmerzen sind aber zuerst die Opioide zu nennen. Das sind morphinähnliche Stoffe, die körpereigene Systeme ersetzen. Sind Sie beispielsweise frisch verliebt, dann schüttet ihr Körper besonders viele eigene Morphine aus. Sie fühlen sich im wahrsten Sinne des Wortes berauscht vor Glück und frei von Schmerzen. Die Liebe ist eben ein Zustand der sehr schmerzlindernd ist. Aber diesen Zustand kann man ja nicht steuern. Daher muss man diese Stoffe durch Opioide ersetzen. Desweitern gibt es andere Wirkstoffklassen wie die Antidepressiva, die Depressionen behandeln und gleichzeitig schmerzlindernd wirken. Denn oft leiden Schmerzpatienten auch unter Depressionen. Dann gibt es Schmerzmittel die überempfindliche Nervenzellen abdichten, als ob man sie mit Bauschaum umhüllen würde. Dadurch werden diese Zellen normal erregbar und produzieren keine zu starken Signale mehr. Am Ende muss für jeden Patienten eine bestimmte Kombination aus verschiedenen Arzneimitteln gefunden werden, die bei seinem individuellen Schmerz wirkt.

PD Arzneimittel: Welche Therapieoptionen helfen den Betroffenen über die medikamentöse hinaus?

Dr. Jansen: Eine erfolgreiche Therapie ist die, die darüber hinaus auch alle Aspekte des Lebens behandelt. Also eine sogenannte multimodale Therapie. Dazu zählt unter anderem auch die Einbindung der Angehörigen in die Behandlung. Denn Schmerz kann depressiv oder aggressiv machen. Das trifft die Angehörigen direkt. Daher müssen auch sie getröstet und gelobt werden, um mit dieser Situation zurechtkommen. Für den Patienten selbst gibt es zudem ein breites Spektrum an verhaltenstherapeutischen Maßnahmen: progressive Muskelrelaxation, Entspannungsverfahren und Gruppenarbeit zu nennen.

PD Arzneimittel: Wie soll sich der Schmerzpatient bei dem Angebot an Therapien zurecht finden?

Dr. Jansen: Ein Schmerztherapeut ist nicht nur Behandler, sondern auch Lotse, der den Patienten durch die Behandlung führt. Wir haben eine weiter gefasste Vereinbarung mit dem Patienten als andere Fachdisziplinen.

PD Arzneimittel: Wann ist eine Schmerztherapie erfolgreich?

Dr. Jansen: Wenn ich es als Schmerztherapeut schaffe, den Wert des Schmerzes um 50 Prozent zu reduzieren, also auf der Skala runter komme auf eine drei bis vier, ist das ein toller Erfolg.

Von den 6,9 Millionen Kindern und Jugendlichen in Deutschland, haben über 30 Prozent chronische Schmerzen. Also solchen die mindestens einmal im Monat wiederkehrend auftreten oder mindestens drei Monate permanent vorhanden sind. Häufig sind das Kopfschmerzen, Bauchschmerzen oder Muskel- und Gelenkschmerzen.Von diesen 6,9 Millionen sind 350.000 so stark betroffen, dass sie nachhaltig in ihrem Leben beeinflusst werden.

  • man mit Schmerzen, die länger als zehn Tage andauern, jeden Tag da sind oder die Kontrolle über das Leben übernehmen zum Arzt gehen sollte? Erster Ansprechpartner ist immer der Hausarzt.
  • das schmerzhafteste Gift der Welt, laut „Schmidt Sting Pain Index“, das der 24 Stunden Ameise ist? Sie steht für ihren Namen: Der Schmerz, der durch ihren Biss entsteht, hält bis zu 24 Stunden.
  • es eine Tagesform für Schmerzen gibt? Zahnschmerzen sind am intensivsten bei Nacht, tagsüber ist man dagegen unempfindlicher.
  • Frauen besser mit chronischem Schmerz zurechtkommen als Männer? Der Grund: Sie reden mehr darüber, teilen ihre Sorgen und Ängste mit. Männer ziehen sich eher zurück, werden depressiv und trinken mehr Alkohol.
  • Frauen aber, laut Deutscher Schmerzgesellschaft, auch häufiger unter Schmerzen leiden als Männer?
  • der erste Schmerztherapeut der Welt ein Anästhesist war? Er wollte auch Patienten behandeln, die nicht bewusstlos waren.
  • Migräne schon bei 3-4 jährigen auftritt? In diesem Alter verknöchert der Schädel. Wenn dann eine Volumenänderung des Gehirns auftritt, findet es keinen Platz und man hat Schmerzen. Das ist allerdings sehr selten.
  • es im Internet zahlreiche für Kinder aufbereitete Videos gibt, die ihnen Schmerz und den Umgang damit erklären?

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